BLIKK-Studie 2017: “Kleinkinder brauchen kein Smartphone”

Das sagte die Drogenbeauftragte der Bundesrepublik Deutschland Marlene Mortler bei der Veröffentlichung der Studie, die versucht, die Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz und Kommunikation bei Kleinkindern zu beleuchten. Das Problem sind aber nicht die technischen Möglichkeiten, sondern die Eltern.

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11.06.2017, 09:30 Uhr

"Wir müssen die gesundheitlichen Risiken der Digitalisierung ernst nehmen!", sagte Marlene Mortler. " Kleinkinder brauchen kein Smartphone. Sie müssen erst einmal lernen, mit beiden Beinen sicher im realen Leben zu stehen." Doch wird hier das Smartphone zum Sündenbock gemacht? Andere Studien-Ergebnisse deuten darauf hin.

Die Verantwortung liegt vielmehr bei den Eltern

Schon 2012 wurde in der KIM-Studie von LFK, LMK und SWR von der Komplexität des Themas "Internet" gesprochen, bei dem Eltern Unterstützung benötigen, die sie sich von Schulen und Kindergärten erhofften. Damals kamen die 6- bis 13-jährigenauf 95 Minuten Fernsehen am Tag, 42 Minuten verbrachten sie mit dem Computer und im Internet. 32 Minuten entfielen auf Computer-/Konsolen-/Onlinespiele, 34 Minuten aufs Radio hören. Für das Lesen von Büchern wurden 22 Minuten aufgewendet. Das waren summa summarum 225 Minuten Mediennutzung am Tag.

Eine Befragung der Erziehungsberechtigten von 2- bis 5-jährige ergab einen Medienkonsum von 42 Minuten Fernsehen an einem durchschnittlichen Tag und 26 Minuten mit Büchern. Angaben zur Länge der Nutzung anderer Medien wurden nicht gemacht. Bezeichnend war hingegen die Art und Weise, wie sich Eltern bei Fragen informierten: dies taten sie bei anderen Eltern (59 %), im Kindergarten bzw. in der Kinderkrippe (42 %), in Büchern (18 %), Zeitschriften (14 %) oder dem Internet (9 %). Wer die digitalen Medien schon nicht nutzt, um sich zu informieren, wie hoch ist dann die Medienkompetenz der Erziehungsberechtigten?

Die meisten halten sich selber für kompetent

73 Prozent beurteilten ihren persönlichen Kenntnisstand zum Thema „Kinder und Medien“ als sehr gut bis gut. Dabei spielte das Bildungsniveau eine wichtige Rolle: 68 Prozent der befragten Elternteile mit Hauptschulhintergrund fühlten sich sehr gut bzw. gut informiert, bei Abitur und/oder Studium betrug dieser Anteil 81 Prozent. Außerdem stieg mit dem Bildungsgrad der Eltern die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind einen Kindergarten oder eine Kinderkrippe besuchte. Bei Eltern mit Hauptschulabschluss waren es 69 %, mit Realschulabschluss 75 % und mit Abitur 84 %. Die befragten Eltern nutzten das Internet auch nicht ganz so häufig. 39 Prozent gingen täglich oder fast täglich online, 37 Prozent mehrmals die Woche, zehn Prozent seltener und 14 Prozent hatten keinerlei Erfahrung mit dem Internet.

Die DIVSI U9-Studie des SINUS-Instituts Heidelberg im Auftrag des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet aus dem Jahr 2015 rechnet dem Bildungsgrad der Eltern ebenfalls einen hohen Stellenwert zu. So nutzen Kinder von Erziehungsberechtigten mit formal geringerer Bildung das Internet eher zur Unterhaltung. Kinder von Eltern mit formal höherer Bildung nutzen das World-Wide-Web deutlich häufiger zur Informationssuche und zu Lernzwecken. Aus der Studie ging auch hervor, dass Eltern mit formal geringerer Bildung die Auffassung vertreten, dass Kinder beim Erlernen des Umgangs mit modernen Medien nicht angeleitet werden müssten.

Fernsehen: dasselbe in Grün?

2010 erschien im US-Fachblatt "Archives of Pediatric & Adolescent Medicine" (Bd. 164, S. 425) eine Langzeitstudie aus Kanada, die zeigte, dass Kinder, die mehr als zwei Stunden am Tag fernsehen durften, mit zehn Jahren zu weniger Bewegung, Passivität im Unterricht, Problemen in Mathe und Übergewicht neigten. 1314 Kindern nahmen in Québéc an der Langzeituntersuchung teil, in die auch die Universität Montréal, das Forschungszentrum des Sainte-Justine-Uniklinikums sowie die amerikanische Universität von Michigan involviert waren. Dazu führten die Eltern Tagebuch über den TV-Konsum ihrer Kinder im Alter von 29 bis 53 Monaten. Als die Probanden zehn Jahre alt waren, ließen die Forscher deren Lehrer das Verhalten und die Leistungen in der Schule beurteilen. Daraus ergab sich auch, dass diese Schüler eher Probleme mit ihren Klassenkameraden hatten und häufiger gehänselt, zurückgewiesen oder sogar angegriffen wurden.

Und wie ist es heute?

Die KIM-Studie des Jahres 2016 unter den 6- bis 13-jährigen zeigt, dass die Mediennutzung zunimmt. An einem durchschnittlichen Tag sehen die 6- bis 13-jährigen 88 Minuten fern, nutzen 39 Minuten das Internet, spielen 32 Minuten an PC/Konsole oder online, hören 28 Minuten Radio, lesen 22 Minuten in Büchern, spielen 19 Minuten am Handy oder Smartphone und sieben Minuten am Tablet. Das sind 235 Minuten, ein Anstieg um fast 5 Prozent seit 2012.

Dennoch sprach sich die Medienpsychologin Astrid Carolus im Deutschlandfunk in Reaktion auf die BLIKK-Studie des Bundesgesundheitsministeriums gegen Smartphone-Verbote für Kinder aus. Dass der Umgang mit Smartphones negative Folgen habe, gehe daraus nicht eindeutig hervor. Nachgewiesen worden seien lediglich statistisch signifikante Zusammenhänge, aber keine klaren Kausalitäten. Dafür sprechen auch die Ergebnisse der KIM- und der DIVSI-Studie. Aussagekräftiger wäre die Studie des Ministeriums von Hermann Gröhe, wenn ausgeschlossen werden könnte, dass das Bildungsniveau der Eltern und deren Medienkompetenz Auswirkungen auf die Entwicklung ihrer Kinder hat.

Tatsächlich gab nicht nur die Wissenschaftlerin Carolus den Appell aus, dass jungen Menschen in einer digitalisierten Welt den richtigen Umgang mit den Geräten lernen müssten. Auch Marlene Mortler sagte: „Es ist dringend notwendig, Eltern beim Thema Mediennutzung Orientierung zu geben.“ Sie fordert: „Unter dem Strich ist es höchste Zeit für mehr digitale Fürsorge – durch die Eltern, durch Schulen und Bildungseinrichtungen, aber natürlich auch durch die Politik.“ Die digitale Welt wird uns nicht mehr verlassen. Es geht also nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie. Dabei spielen mobile Endgeräte wie Smartphones uns Tablets eine zentrale Rolle.

Jérôme Lefèvre / Redaktion handytarife.de