Großes Wiedersehen mit und bei Nokia

Nokia kehrt zurück! Das ist die große Nachricht, die gerade alle Fans der marke hoffen lässt, dass sie bald wieder ein Handy des ehemaligen Weltmarktführers in den Händen halten können. Doch gekauft wurden nur die Markenrechte. Wie groß sind also die Chancen, dass der Phönix aus der Asche kriecht?

Microsoft© Microsoft Corporation
19.05.2016, 13:08 Uhr

Die Hoffnungen waren einst groß, dass Microsoft es schafft den einstigen Handy-Pionier zur alten Stärke zurückzuführen. Damals protzte man noch mit Wachstumszahlen und versprach sich eine große Zukunft mit Smartphones und Software aus einer Hand. Die "25er" Modelle machten auch aus Sicht unserer Testredaktion Mut, auch wenn damals umso deutlicher wurde, dass der Vorstandsvorsitzende Staphan Elop es geschafft hatte den Wert der Nokia AG nahezu zu halbieren.

Die Finnen verkauften ihre Handysparte nach Redmond und blieben Netzausrüster und Karten-Anbieter. Letzterer Unternehmensteil, die hochgelobten HERE-Maps, wurden dann an die Fahrzeughersteller Audi, BMW und Mercedes verkauft, wonach die Weiterentwicklung der App für WindowsPhone 8.1 eigestellt und für WindowsPhone 10 gar nicht mehr angeboten wird, was uns im Test des Microsoft Lumia 650 negativ auffiel.

Microsoft hatte sich bei der Übernahme verschätzt, musste Angestellte entlassen und hohe Abschreibungen machen. Nokia arbeitet weiter an seiner Restrukturierung und kaufte vor kurzem den Hersteller Withings, der Wearables und andere Smarte Lösungen für den Electronic-Health-Bereich anbietet.

Wer oder was ist Nokia in Zukunft?

Der einstige Ausflug in die Welt der Android-Smartphones ist schon beinahe vergessen, da erfolgt nun ein neuer Versuch unter neuem Dach mit alten Bekannten:

Die HMD global Oy mit Sitz in Helsinki in Finnland erhält von Nokia die Markenrechte für Smartphones und die Rechte Patente aus der Netzwerksparte zu nutzen, wofür HMD Lizenzgebühren zahlt. Nokia Technologies besetzt dafür einen Stuhl im Aufsichtsrat, um zu überwachen, dass der Markenname nicht beschädigt wird und die Produkte den eigenen Qualitäts-, Design und Innovationsansprüchen genügen.

Gleichzeitig kauft die HMD die Rechte, um auch Feature Phones mit dem Markennamen des einstigen Weltmarktführers verkaufen zu dürfen. Feature Phones sind klassische Handys, die noch nicht so recht Smartphone sein wollen, also in der Regel weder Android, noch iOS oder WindowsPhone installiert haben und häufig auch noch mit bewährten Tasten bedient werden. Das heißt aber nicht, dass ihnen die Internetverbindung fehlt, mit denen insbesondere in weniger Entwickelten Ländern Informationen ausgetauscht werden, wie zum Beispiel durch das Projekt internet.org von Mark Zuckerberg, dem Erfinder von Facebook.

Diese Rechte hatte Microsoft damals erworben, weil man sich dort großes Wachstumspotenzial ausrechnete, das auf dem dort noch sehr guten Ruf der Marke Nokia beruhen sollte. 20 Millionen US-Dollar überweist HMD nun für die Marken- und Design-Rechte nach Redmond. Doch woher kommt die große Summe von 350 Millionen US-Dollar, die durch die Medien verbreitet wird?

Die Differenz von 330 Millionen US-Dollar zahlt die Firma FIH Mobile Ltd. an Microsoft für die gesamte Feature-Phone-Sparte von Microsoft plus der Fertigung in Vietnam, wo hauptsächlich ebendiese Handys hergestellt werden. FIH wurde auf den Cayman Islands eingetragen und ist ein Tochterunternehmen von Foxconn, einem der größten Smartphone-Hersteller der Welt, der unter anderem das iPhone für Apple produziert.

Die Übernahme der Feature-Phone-Sparte deutete sich bereits am 5. Mai an, als FIH Mobile eine Gewinnwarnung herausgab. Noch am 15. Mai musste man Medienberichte dementieren, die bereits andeuteten, worauf dann schließlich am 18. Mai der Deckel gemacht wurde: Die Tochter von Foxconn verleibt sich Produktion, Verkauf und Vertrieb als bestehendes, weltweites Netzwerk ein und HMD kooperiert von Beginn mit der FIH, die in Zukunft die Nokia Smartphones, Feature Phones und Tablets herstellen soll. HMD hat sich selber auferlegt in den nächsten drei Jahren 500 Millionen US-Dollar in die Entwicklung und Vermarktung der nun wieder finnischen Produkte zu stecken.

Und die alten Bekannten?

Die HMD Global Oy ist Teil der Smart Connect LP, der Jean-Francois Baril angehört. Er war als Senior Vice President und Chief Procurement Officer zur Glanzzeit von Nokia (1999-2012) für das Supply Chain Management zuständig. Er kennt Nokia und hat nun wohl nicht nur zum Kauf des ehrwürdigen Namens beigetragen, sondern ist außerdem Hauptberater des Vorsitzenden von Foxconn, also des Geschäftsführers des Mutterkonzerns, dessen Tochter die Produktion der Nokia-Geräte übernimmt.

HMD wird von zwei alten Nokianern geleitet: Arto Nummela, der von 1994 bis 2014 bei Nokia arbeitete und dann von Microsoft in seiner Position als Senior Vice President Verkauf und Marketing für Indien, den Mittleren Osten und Afrika übernommen wurde. Florian Seiche ist derzeit Senior Vice President Verkauf und Marketing für Europa bei Microsoft und wurde auch in dieser Position von Nokia kommend übernommen. Er kennt sich im Mobilfunkmarkt aus und arbeitete vorher für HTC, den französischen Mobilfunkanbieter Orange und der mittlerweile verschwundenen Handysparte von Siemens.

Der Ausverkauf bei Microsoft hinterlässt Skepsis. Wie soll es mit WindowsPhone weitergehen? Wie möchte der Software-Gigant zu nennenswerten Marktanteilen kommen, wenn er sogar die langfristige Strategie aufgibt, mit Feature Phones Kunden aufzubauen, die beim Wechsel zu einem Smartphone treu bleiben? Nun wird es also wieder Nokia Handys geben, wohl auch Smartphones und Tablets. Bleibt zu hoffen, dass die alten erfahrenen Köpfe die Fehler von damals nicht wiederholen, damit der Phönix in Finnland aus der Asche aufersteht.

Jérôme Lefèvre / Redaktion handytarife.de