Neue App warnt vor Handy-Sucht

Welcher Umgang mit dem eigenen Mobiltelefon ist noch normal und ab wann ist man möglicherweise  Smartphone-süchtig? Dieser Frage sind Forscher der Universität Bonn nachgegangen und haben das Nutzungsverhalten von Probanden analysiert. Daraus entstand jetzt eine eigene App, die vor Handy-Abhängigkeit warnt.

Studententarife© nenetus / Fotolia.com
20.01.2014, 16:40 Uhr

Die "Menthal" benannte App erfordert das Betriebssystem Android 4.0 oder höher. Sie kann kostenlos aus dem Google Playstore heruntergeladen werden oder ist auf menthal.org zu finden. Die App scheint den Nerv der Zeit zu treffen: Die Macher wurden von Interessenten überrannt, so dass die Server in die Knie gingen und bei Google Play um Geduld geworben wird.
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Die App ist Teil eines größeren Forschungsvorhabens zur Untersuchung des Handygebrauchs. Die meisten Studien verlassen sich dazu bis jetzt auf Selbsteinschätzungen der Nutzer. Diese Angaben sind aber unzuverlässig. Menthal soll zum ersten Mal belastbare Daten liefern und kann detailliert zeigen, wie der durchschnittliche Mobiltelefonkonsum pro Tag ausfällt.
Alle 12 Minuten aktiviert ein Durchschnitts-Nutzer sein Smartphone
In einer bislang unveröffentlichten Studie haben die Forscher mit Menthal das Telefonverhalten von 50 Studenten über einen Zeitraum von sechs Wochen untersucht. "Die Ergebnisse waren zum Teil erschreckend", kommentiert Dr. Christian Montag, Privatdozent für Psychologie an der Bonner Universität. So nutzte ein Viertel der Probanden sein Telefon mehr als zwei Stunden pro Tag. Im Schnitt aktivierten die Studienteilnehmer 80 Mal täglich ihr Telefon - tagsüber durchschnittlich alle zwölf Minuten. Bei einigen Probanden fielen diese Zahlen gar doppelt so hoch aus.
Der typische Mobilfunk Nutzer telefonierte lediglich acht Minuten am Tag und schrieb 2,8 SMS. Der Hauptnutzen des Telefons lag dennoch in der Kommunikation: Mehr als die Hälfte der Zeit nutzten die Probanden Messenger oder tummelten sich in Sozialen Netzwerken. Alleine WhatsApp schlug mit 15 Prozent zu Buche, Facebook mit neun Prozent. Spiele brachten es auf 13 Prozent, wobei einige Probanden mehrere Stunden am Tag spielten.
Wie schön könnte es sein - ohne Handys...
Das Hauptinteresse der Bonner Forscher gilt dem problematischen Handygebrauch. "Wir wollen wissen, wie viel Mobiltelefon-Konsum normal ist und ab wann von einem Zuviel zu sprechen ist", erläutert Christian Montag. Das Nutzen eines Handys ähnele dem Umgang mit einem Glücksspielautomaten - deswegen werde das Telefon so oft angeschaltet. Bei dieser möglichen neuen Sucht handele es sich noch nicht um eine offiziell anerkannte Erkrankung. "Dennoch wissen wir, dass der Umgang mit dem Mobiltelefon suchtähnliche Symptome hervorrufen kann", betont Montag. So könne ein übermäßiger Konsum zur Vernachlässigung von wichtigen täglichen Aufgaben oder des direkten sozialen Umfelds führen. "Bei Nichtnutzung kann es sogar zu regelrechten Entzugserscheinungen kommen."
Kann das Handy per App Depressionen erkennen?
Die App entstand im Rahmen einer breiteren Initiative, Methoden der Informatik in die Psycho-Wissenschaften zu tragen - die Wissenschaftler sprechen auch vom neuen Forschungsfeld der Psycho-Informatik. In einer aktuellen Publikation in der Zeitschrift "Medical Hypothesis" erläutern sie, inwiefern Psychologie und Psychiatrie von den damit verbundenen Möglichkeiten profitieren könnten. "Es ist beispielsweise denkbar, Handydaten dazu zu nutzen, um Schwere und Verlauf einer Depression zu messen", erläutert Montag. "Wir führen dazu gerade gemeinsam mit dem Psychiater Prof. Dr. Thomas Schläpfer vom Bonner Universitätsklinikum eine weitere Studie durch."
Depressionen äußern sich unter anderem in sozialem Rückzug und der Unfähigkeit, sich an Aktivitäten zu erfreuen. Die Krankheit verläuft oft episodisch. "Wir vermuten, dass sich während einer depressiven Phase die Handy-Nutzung messbar ändert", erläutert Prof. Schläpfer. "Der Kranke ruft dann beispielsweise weniger oft an und geht seltener vor die Tür - eine Verhaltensänderung, die Smartphones dank GPS ebenfalls registrieren können." Ein Psychiater könnte das Handy seiner Patienten also als Diagnose-Instrument nutzen und gegebenenfalls frühzeitig gegensteuern. "Das geht natürlich nur unter strikter Beachtung des Datenschutzes und nach Einwilligung der Erkrankten", betont Markowetz.
Überhaupt sei die Einhaltung strenger Datenschutz-Regelungen bei der Auswertung derartiger Daten immens wichtig, sagt Markowetz. Die beteiligten Forscher gehen in ihrer Veröffentlichung explizit auf die daten-ethischen Aspekte ihrer Arbeit ein. Mit der ärztlichen Schweigepflicht existiere eine bewährte Methode für den Umgang mit Informationen, die strikt auf die erhobenen Daten angewendet werde.