Vertu: Stoff für einen Wirtschafts-Thriller?

Früher gehörte Vertu zu Nokia. Die Hardware des finnischen Handy-Herstellers wurde in England in luxuriöse Gehäuse aus Gold, Platin, Titan gefasst, mit Leder veredelt und die Displays unter Saphirglas eingefasst. Nun hat Vertu sich mit TCL zusammengetan – in einem spielfilmtauglichen Plot eingebettet.

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24.06.2017, 09:30 Uhr

Nachdem Vertu mehrfach den Eigentümer gewechselt hatte, meldete The Telegraph im März 2017, dass der türkische Geschäftsmann Hakan Uzan für umgerechnet etwa 58 Millionen Euro den Hersteller von Luxus-Handys gekauft hat. Die Vorgeschichte der Familie Uzan spannt dabei aus dem Jahr 1990 einen Bogen in die Gegenwart, der aktueller kaum sein könnte.

Forbes hat die Geschichte der Familie bereits im März 2002 zusammengetragen. Verkürzt auf die Bezüge zu den aktuellen Ereignissen, ist der erste Kredit für den türkischen Mobilfunkanbieter Telsim, der von Hakan Uzan und seinem älteren Bruder Cem geführt wurde, der Startpunkt. 1994 liehen sie sich Services von Motorola als Netzwerkausrüster im Wert von 52 Millionen Dollar. Weitere finanzielle Hilfen und materielle Stützen summierten sich bis März 2001 auf 2,3 Milliarden Dollar, die inflationsbereinigt einer Kaufkraft von über 3 Milliarden Dollar im Jahr 2017 gleichen.

Motorola waren nicht das einzigen

Aus der Hilfe für Telsim versprach sich ein weiteres bekanntes Unternehmen Folgeaufträge: Nokia butterte 800 Millionen Dollar in das türkische Mobilfunkunternehmen. Das Platzen der Dotcom-Blase und die Entwertung des Liras brachte Telsim schließlich in Zahlungsschwierigkeiten. Motorola und Nokia konnten nicht bedient werden. Die ihnen als Sicherheit überlassenen Aktien beinhalteten allerdings keine Stimmrechte. Durch einen cleveren Schachzug, konnten mithilfe einer Kapitalerhöhung, die lächerliche 17 Millionen Dollar einbrachte, die Anteile von Motorola und Nokia auf 22 bzw. 2,5 Prozent reduziert werden.

Da die Uzans nicht persönlich haftbar gemacht wurden, konnten sie sich weiterhin ihres großen Privatvermögens bedienen, das sie 2001 in die Liste der Forbes-Milliardäre brachte. Der Forbes-Artikel schließt mit der Empfehlung, dass die Familie, auch wenn sie sich gegen Motorola und Nokia behaupten könne, mit Telsim den Turnaround schaffen müssen oder den Mobilfunker, für den die Deutsche Telekom im Jahr 2000 4,5 Milliarden Euro für 51 Prozent der Anteile hätte bezahlen müssen, verkaufen sollten.

Es kam anders

Als die Uzans ihre Schulden von 3 Miliarden Euro nicht mehr bedienen konnte, wurden ihre Anteile an Telsim durch die Regierung beschlagnahmt und versteigert. Vodafone erhielt für 4,55 Milliarden Dollar den Zuschlag im Dezember 2005. Am 24. Juni 2006 war die Akquisition bereits abgeschlossen. Cem Uzan war 2002 übrigens mit seiner eigenen Partei als Konkurrent gegen Recep Tayyip Erdogan angetreten. Auf Grund neuer Bankgesetze wurden seine Unternehmen dann 2004 vom Staat beschlagnahmt. Dazu gehörten auch sein Fernsehsender "Star TV" und die Zeitung "Star". Im selben Jahr führte die Familie auch einen Rechtsstreit gegen den heutigen US-Präsidenten Donald Trump.

Im Oktober 2009 meldete Bloomberg, dass Motorola und Nokia ihr Verfahren gegen die Uzan Familie in New York gewonnen hatten. Den Mobilfunkausrüstern wurden zusammen 4,8 Milliarden Dollar zugestanden. Diese Summe sollte aus der Libananco Holding Co. gezogen werden, die sich in einem offenen Rechtsstreit mit der türkischen Regierung befand, um von ihr 10 Milliarden Dollar zugesprochen zu bekommen. Dieser Prozess ging 2013 verloren. Bereits 2009 hatten Motorola und Nokia die Verluste aber bereits abgeschrieben. Außerdem erhielt die Familie im selben Jahr politisches Asyl in Frankreich.

Hakan Uzan war es, der im Dezember 2015 in Bologna Strafanzeige gegen den Sohn des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan stellte. Gegen Bilal Erdogan, der zu diesem Zeitpunkt in Italien studierte, wurden daraufhin Ermittlungen wegen Geldwäsche eingeleitet. In der Türkei war erst wenige Wochen vorher das Verfahren gegen ihn wegen ähnlicher Vorwürfe eingestellt worden. Stattdessen wurden Staatsanwälte zwangversetzt und Polizisten festgenommen. Die ersten Vorwürfe tauchten auf, dass Fethullah Gülen dahinter stecke, was in dem Putschversuch vom 15. und 16. Juli 2016 mündete. Im August äußerte sich Bilals Vater und Präsident der Türkei erzürnt über das Verfahren in Italien, das im Januar 2017 eingestellt wurde.

Der Kreis schließt sich

Im März 2017 hat Hakan Uzan nun Vertu gekauft  - die Luxus-Firma, die einst zu Nokia gehörte, die Hakan nicht in bester Erinnerung behalten haben. Er hat nun vor wenigen Tagen mit TCL Communications eine Vereinbarung geschlossen, die Technologie des chinesischen Herstellers, die auch bei Alcatel und Blackberry zum Einsatz kommt, für 30.000 in England handgefertigte Vertu-Telefone zu nutzen. In den letzten Medienberichten war zwar zu lesen, dass der Aufenthaltsort von Hakan Uzan nicht bekannt sei, doch aus den vor kurzem nach Paris verlagerten Firmenbüros kommentierte er: "Wir freuen uns über die Unterzeichnung dieser Vereinbarung mit TCL Communication. Es ist die erste von zahlreichen, erheblichen Investitionen, die wir in diesem Unternehmen vornehmen werden. TCL Communication ist ein wertvoller Partner für Vertu und wir hoffen, dass dies der Beginn eines neuen, erfolgreichen Kapitels unserer Beziehung sein wird."

Angekündigt wurde für Mitte Juli eine begrenzte Anzahl des „Constellation X“ Smartphones als Sonderedition. Aushängeschild der Firma ist aber der Concierge-Services, der ebenfalls runderneuert wird. Bisher war die Nutzung des Dienstes beim Kauf eines Mobiltelefons für ein Jahr inbegriffen und kostete danach jährlich rund 3000 Dollar! Dafür erhielten die betuchten Kunden einen echten Assistenten – nicht Siri, Alexa oder „Hey Google“ – sondern ihren persönlichen Ansprechpartner, der ihnen per Kopfdruck (dafür ist im Rahmen eine Extra-Taste eingelassen) zur Seite steht, um einen Tisch zu reservieren, Konzert-Karten mit Backstage-Zugang zu bekommen, einen Rolles Royce zu mieten oder, oder, oder.

Die aktuelle Produkt-Palette von Vertu besteht aus vier verschiedenen Handy-Modellen: Signature S, Signature Touch, Aster und das bald auf den Markt kommende Constellation X. Die Vertu Audio Kollektion umfasst einen Kopfhörer und einen Lautsprecher. Vertu ist über etwa 300 Geschäfte, darunter 56 Vertu-Boutiquen, in 62 Ländern erhältlich. Das neuste Smartphone kostet dabei - mit der Technik eines Oberklasse-Smartphones aus dem Jahr 2016 - um die 8500 Euro. Da sollte man den Concierge-Service wirklich ausgiebig nutzen wollen und viel gefallen an dem Material-Mix aus Aluminium, Leder und Saphirglas finden.

Jérôme Lefèvre / Redaktion handytarife.de